Portait in der Berliner Zeitung vom 17.04.2009:

Ich wollte gern ausreden dürfen
Nun darf Kaminski - am Sonntag in den DT- Kammerspielen
von Matthias Nöther

Ist es Oper, ist es Theater, Kleinkunst oder Comedy? Je direkter ein Künstler solche Fragen an seine Kunst beantworten kann, desto glatter landet sie auf dem Markt. Wer sie jedoch nicht beantworten will, muss sich etwas anderes ausdenken. Wenn es schon eine neue Kunstform sein soll, dann braucht sie einen schönen Namen, denn der Kulturbetrieb sollte instinktiv danach schnappen - und dann sollte er sich möglichst so daran verschlucken, dass er knirscht. Dann wird die Kunst den Apparat verändern, nicht umgekehrt.

Der Schauspieler Stefan Kaminski hat dieses Ziel erreicht. Bis in die Kammerspiele hat er es am Deutschen Theater mit seinen "Dreidimensionalen Live-Hörspielen" geschafft. Der Name mag umständlich und hochgestochen klingen, trifft es aber genau, und sein Erfinder durchdringt ihn immer wieder von neuem: "Da kommen drei Dimensionen zum Tragen. Da ist zum Einen das Hörspiel als solches, wo die Leute was entdecken können, selbst wenn sie die Augen zumachen. Sie können aber auch beobachten, wie ich mich schauspielerisch verändere, wenn ich in die verschiedenen Charaktere der Geschichte schlüpfe. Und die dritte Dimension ist die, die mir am wichtigsten ist: dieses Handgemachte, im Moment Entstehende, wie beim Set einer Band auf der Bühne."

Das "Dreidimensionale Live-Hörspiel", ein schlauer Winzling mit monumentaler Genrebezeichnung - das Deutsche Theater Berlin hat vor fünf Jahren nach ihm geschnappt. Mittlerweile spielt es "Kaminski on Air" fast jede Woche - undenkbar, dass sich das DT damit nicht verändert hätte. Dem Rest des etablierten Kulturbetriebs indes scheint das Live-Hörspiel noch immer unverdaulich. Wen etwa sollten Kulturredaktionen zur Rezension von Kaminskis neuem akustischen Riesengemälde, dem Live-Hörspiel "Götterdämmerung" nach Richard Wagner, schicken? Den Theaterkritiker? Den Musikkritiker? Den Musiktheaterkritiker?

Das ist nicht sein Problem. Stefan Kaminski steht nach wie vor im T-Shirt inmitten seiner Stimmen und Geräusche, sein Konzept ist seit Jahren dasselbe - und dafür liebt ihn das Publikum "Kaminski on Air". Im DT hat alles 2004 begonnen, im "Deutschen Eck", einer kleinen Holzkiste im Foyer. "Da durfte jeder Schauspieler was machen. Und ich habe mich damals sowieso gefragt, was ist eigentlich aus alldem geworden, woran ich früher immer Spaß hatte? Ich wollte ganze Geschichten erzählen, und ich wollte ausreden dürfen."

Die Geschichte hieß "Im Bann des Psychopudels", nach Staatstheater klang das nicht. Paul Browski, Privatdetektiv aus Neukölln, fängt entlaufene Haustiere und gerät an das monströse Wesen. Stefan Kaminski saß vor zwei Mikrofonen, sprach sämtliche Rollen mit unterschiedlichsten Stimmen und Dialekten - gemeinsam mit den beiden Musikern wirkte das wie eine verirrte Jazzcombo. Mit dem akustischen Horrorpudel wurde Kaminskis virtuose Fähigkeit des Stimm-Morphing zum Geheimtipp der Berliner Theaterszene. Am minimalistischen Band-Setting hat sich bis heute nicht das geringste verändert, nur wird er am Sonntag bei der "Götterdämmerung" alle drei musikalischen Gefährten seines bisherigen "Ring des Nibelungen" mit auf die Hörbühne nehmen.

In Kaminskis eigener Perspektive hat alles natürlich viel früher begonnen. Im Kinderzimmer imitierte er Prinz und Prinzessin von der DDR-Märchenplatte, als ostdeutscher Nachwende-Jugendlicher Kohl und Genscher, in den Kinderhörspielen des ORF sprach er seit Mitte der Neunziger alle Rollen gleichzeitig. Stefan Kaminski ist mit Leib und Seele Stimmkünstler. Doch zugleich er ist eben auch ein großer Schauspieler. Wenn ihn nicht die Ausbildung oder die Zeit am Deutschen Theater dazu gemacht haben, dann war es das Live-Hörspiel selbst.

Gewiss, ebenso wie beim "Psychopudel", beim "Weißen Hai" und bei "King Kong" verzaubern auch die bisherigen Teile des "Ring"-Hörspiels durch klangsinnliche Ereignisse von Witz und Wucht. Die Verwandlung des Nibelungen Alberich in einen Drachen, das Schmieden von Siegfrieds Schwert, das Krächzen der Raben auf Wotans hohem Felsen: Dies sind Klangbilder, die den Hörer, kaum minder als bei Wagner, umgeben wie der Wasserdampf in einem römischen Bad.

Doch Geschichten leben vor allem von Charakteren. Deshalb hat sich am "Rheingold", dem märchenhaften Vorabend zum "Ring", die Qualität des Live-Hörspiels als neues Kunstgenre bisher am stärksten bestätigt: Insgesamt neun Figuren verleiht Kaminski dort seine Stimme. Deren liebevoll-präzise Zeichnung auf der Hörbühne fand mit den Riesen Fasolt und Fafner als originale Berliner Bauarbeiter einen Höhepunkt. Doch er hat seitdem nicht nachgelassen, "Walküre" und "Siegfried" verlangten einen neuen, anderen Zugriff. Wenn Frauen bei Kaminski on Air bis dahin fast nur als Zicken oder Dummchen in Erscheinung traten, mussten für die traumatisierte Sieglinde und für Brünnhilde, die gegen den tyrannischen Vater rebelliert, andere stimmliche Register für Weiblichkeit erfunden werden.

Kaminskis Live-Hörspiele sind mit dem "Ring" keine Opernparodie geworden und auch nicht Musiktheater für Anfänger. Kaminskis Ausflüge zum Trash sind stets witzig, fein und subversiv - wenn etwa Jung-Siegfried das Publikum zum Schlagersingen animiert. Auch Wagner wollte einst fein und subversiv sein - der starre Apparat, den das Gesamtkunstwerk am Ende forderte, verhinderte es. Kaminski on air spricht viele Sinne zugleich an - doch es hat den ehrwürdigen gesamtkunstwerklichen Apparat ungewollt in Frage gestellt. Mit seiner emphatischen Gestaltung des Akustischen ist Kaminski on air gesellschaftlich waches Musiktheater. Die Opernintendanten in Berlin, die diesen Anspruch selbstverständlich für sich erheben, ihre Bühnen jedoch bequem mit knalligen Bildern zustellen, sie sollten diese beste hauptstädtische Wagner-Aufführung besuchen. Ihre anspruchsvolleren Besucher waren schon dort.