Zitty Berlin vom 04.09.2008:

Hörspielkunst als Live-Performance
von Tobias Schwartz

Ein Tusch als Startsignal, die kleine On-Air-Lampe leuchtet, es kann losgehen. Auf der Bühne, inmitten von Musikinstrumenten, Zimmerpflanzen und zahlreichen weiteren Klangutensilien sitzt der Hörspielkünstler Stefan Kaminski. Sein Programm für den Abend: King Kong. Monumentales Kino als Live-Hörspiel. Er selbst spricht alle Rollen mit verstellter oder verzerrter Stimme, Unterstützung findet er in verschiedenen Musikern, seiner Band. Im Unterschied zum klassischen Hörspiel kommt in „Kaminski on air“ auch der Körper zum Einsatz, der Sprecher ist Schauspieler, sein Live-Hörspiel ein dreidimensionales Format. Die DT-Box ist restlos ausverkauft, das Publikum besteht zu großen Teilen aus einer begeisterten Fangemeinde.

Seinen Schauspielerberuf schätzt Kaminski hoch, die höchste Form der Selbstverwirklichung sind für ihn jedoch seine Performances „on air“. „Ich wollte zeigen, wer ich bin, was in mir steckt“, erklärt der charismatische Vater eines acht Monate alten Sohnes in der Garderobe hinter der Bühne. In Ost-Berlin aufgewachsen, hörte der 1974 geborene Kaminski schon als Kind pausenlos Radio und liebte nichts mehr als Hörspiele und Märchenschallplatten, die er schnell auswendig nachsprechen konnte. Legendäre Stimmen großer Schauspieler von Carmen-Maja Antoni bis Klaus Piontek prägten ihn. Es dauerte nicht lange, da unternahm er eigene Experimente. Die Wende verschaffte ihm die notwendigen technischen Mittel. „Nach dem Fall der Mauer konnte ich mir endlich ein Tape-Deck kaufen, in der DDR war das nahezu unerschwinglich.“ Zu seinen Erfindungen gehört eine Metal-Musiksendung mit Moderator, Gästen und Musik, allesamt vereint in seiner Person. Ein Demo-Tape ging an den ORB. Dort absolvierte Kaminski ein Praktikum und ist seit 1996 als Autor, Sprecher und Moderator fürs Radio tätig und spricht etwa alle Stimmen der Kindersendung „Zappelduster“. Bei Hörbuch-Arbeiten traf er im Tonstudio einige Stimmhelden seiner Kindheit, darunter den Schauspieler Dieter Mann. „Da wurde mir klar, dass ich Schauspiel studieren muss. Ich wollte es richtig machen, das Handwerk lernen.“

2001 wurde er für mehrere Jahre DT-Ensemblemitglied und konnte in der Kammerbar und später der Box das Format des Live-Hörspiels entwickeln, das längst über den Status des Geheimtipps hinausgewachsen ist. Mittlerweile füllt er auch die Kammerspiele, tourt mit seinen Produktionen quer durch Deutschland und arbeitet mit dem Hörspiel-Monolithen Oliver Rohrbeck von den „Drei Fragezeichen“ zusammen, Live-CDs sind in Planung. Mit der „Götterdämmerung“ vollendet Kaminski nun seinen Wagner-Zyklus. Seine Freundin war es, die den Heavy-Metal-Fan mit der Musik Richard Wagners ansteckte. „Ich liebe den Ring des Nibelungen. Wichtig ist mir aber, die Geschichte zu erzählen, nicht Wagner zu feiern.“