Berliner Morgenpost vom 21.08.2008:

Ein Mann, eine Show
von Reinhard Wengierek

Als hätte man einen Sperrmüllcontainer ausgekippt. Oder ein avantgardistisches Kunstwerk installiert, so sieht er aus, der schmale Raum zwischen Parkett und Eisenvorhang in den Kammerspielen des Deutschen Theaters (DT): Kisten, Hölzer, Bleche, Wassertöpfe; ein Dschungel aus Ton- und Lichttechnik; ein weitverzweigter Perkussionsapparat.

Es ist die Werkstatt von Stefan Kaminski zur Herstellung von Geräuschen. Mit geradezu akrobatischer Flinkheit imaginiert dieser Schauspieler im Hand-, Bein- und Stimmbetrieb Kriegsgetümmel, Liebesnacht, Wintersturm oder Pferdehatz. Obendrein schlüpft er mit seiner sagenhaft wandlungsfähigen Stimme beispielsweise in gleich sieben hochdramatische Rollen zwischen Charakterbass und Heldentenor, Sopran, Mezzo, Alt. Doch Kaminski singt nicht, sondern spricht in jeweils typischer Stimmlage, Stimmfärbung, Mimik - diesmal Figuren aus Richard Wagners Oper "Die Walküre" zum Soundtrack (Cello, Tuba) der ins Minimalistische komprimierten Mega-Partitur. Wagners 3,5-Stunden-Gefühlswucht zwischen Inzestliebe und Machtwahn für eine Person eingedampft auf 80 Minuten - geht das? Wahnsinn, und wie!

IRRWITZIG UND TODERNST
Weil die so verständnisinnig, vor allem aber unbeschädigt frei gelegte dramatische Essenz zum Gleißen gebracht wird. Irrwitzig und todernst. Kaminskis lakonischer Kommentar: "Gut überziehen im Komischen, wahrhaftig sein im Tragischen." Populäre Stücke wie Wagners Monumentalopern (erst "Rheingold", jetzt "Walküre") oder beliebte Filmklassiker ("King Kong", "Der weiße Hai") als Ein-Mann-Show in einem so genannten Live-Hörspiel zu präsentieren, war eine aus der Not geborene Idee: Für das neu geschaffene Studio Box des DT suchte man nach Pässlichem, gerade auch Unterhaltsamem. Und natürlich Originellem. Da erinnerte sich der 2001 frisch von der Ernst-Busch-Hochschule engagierte Kaminski seiner autodidaktisch-künstlerischen Anfänge. Der 15-jährige Ost-Berliner kaufte sich vom ersten im Ferienjob verdienten Geld einen Doppelkassettenrecorder mit Mikro und fing an, "damit zu basteln". Kuriuose Interviews mit erfundenen Texten von Mitgliedern diverser Rockbands, vor allem aber witzig zugespitzten Geschichten aus dem Grimmschen Märchenbuch - das Kind im großen Jungen - mit hausgemachtem Geräusche-Grund und auf ihn selbst verteilten Rollen. Freunden gefiel das derart, dass sich der Teenager zum Rundfunk traute, dort begeisterte und als Sprecher anfangen durfte. Kaminski also "on air". Und später, logische Folge, auf der Schauspielschule: "Hier wurde ich Körper, vorher war ich bloß Stimme."
Auf jenes frühe Glück mit dem Rekorder kam Stefan Kaminski zurück bei der Erfindung seiner Soli für die Box. Anfangs waren es Kultfilme, die der geschickte Dramaturg und beseelte Stimmakrobat vom Breitwand- ins Kleinstformat einer leibhaftigen Vorführung übersetzte. "Ich nehme jede Figur sehr, sehr ernst, auch kleine Monster oder einfach nur ein Rascheln."
Mit einem Sammelsurium von Geräten baut er also auf dem Show-Podest für die präzis extrahierten Schlüsselszenen die jeweilige Geräuschkulisse. Mit seiner fliegend wechselnden Stimme formt er die auftretenden Figuren. Das fasziniert die zuschauenden Zuhörer. Kaminskis theatralische On-air-Hörspiele wurden Kult und zogen um von der Box in die DT-Kammerspiele. Und demnächst ins DT-Zelt, der Ausweichspielstätte auf dem Vorplatz des Theaters, das momentan renoviert wird.

ROMANTISCH GEBROCHENER HELD
Auf den ersten Blick ist Kaminski der geschmeidige Jung-Siegfried-Bursche mit dem stählernen James-Bond-Blick. Doch den kann er auf "soft" umschalten. Dann schimmern die himmelblauen Tiefstrahlaugen verträumt und melancholisch. Klar, der Mann scheint wie gemacht für coole Typen. Doch vermag er auch seltsam zu irrlichtern. Er ist himmelwärts stürmerisch, dann wieder behutsam, auch ängstlich. Ein Draufgänger nicht ohne Schalk und ein verführerischer Traumtänzer, eben der romantisch gebrochene junge Held - ziemlich kleistisch. Aus diese, sagen wir: Zwiegesichtigkeit, befeuert K. seine darstellerische Intensität. Etwa in Simon Stephens Stück "Motortown" als Soldat Danny, der das Kriegsschlachten traumatisiert überlebt hat und nach der Heimkehr verrückt wird am Zivilleben. Kaminski spielt das extrem Neurotische, Wüste, brutal Amokhafte nicht stur geradeaus rasend, sondern immerzu wie über sich selbst erschrocken, zuweilen furchtsam innehaltend ob der seelischen Verwüstungen seiner Figur. Einerseits ist er Danny, die Kampfmaschine, der Täter. Andererseits Danny, das Leid tragende Opfer - und letztlich ist er ein heillos Zerbrochner. Es ist offensichtlich: Dieser Mann hat das Zeug zum starken Charakterspieler. Wir hören Schiller, Shakespeare, Kleist ihm zurufen: Mach mir den Homburg, den Hamlet, den Ferdinand! Unbedingt und umgehend.
Und doch: Kaminskis große Besonderheit bleibt sein hinreißendes Solistentum eines frappierend geistreichen, zugleich dramatisch packenden Entertainments. Da ist alles geballt: Da explodiert Kraft, vibriert Luft, da ist es grell, zwielichtig, rabenschwarz. Da überwältigt Kaminskis komplexer Sinn für Komik, Tragik, Trash, für menschlich Höchstes, Tiefstes, Banalstes.